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Die Bibliothek ist ein Ort

May 16, 2011

by Nina Koeller
Die Bibliothek ist ein Ort, an dem alles zur gleichen Zeit passiert, sie ist ein Ort der Themen und des Wissens, ein Ort des Zusammentreffens und des Austauschs, ein Ort der Spurensuche, der Bewahrung und der Arbeit. Die Bibliothek ist ein Ort, an dem konkrete Ergebnisse gesucht und nicht vorhersehbare Dinge entdeckt werden. Die Bibliothek ist ein Ort, an dem alles zur gleichen Zeit passiert.
Zu den im Verborgenen gehaltenen Inhalte der Bibliothek zählen das Archiv, die nicht öffentlich begehbaren Räume, das interne Ordnungssystem. Gleichzeitig trägt jeder einzelne Nutzer etwas unsichtbares, etwas im Schatten liegendes mit sich. Jede inhaltliche Verknüpfung und flüchtige Assoziation füllt die Bibliothek, belebt sie und schafft einen neuen Weg der Nutzbarkeit. Der Nutzer hinterlässt Spuren in Form von Leihzetteln, Notizen, unerlaubten Markierungen, verstellten Büchern.
Vergangene utopische Entwürfe wie die Bibliothèque du Roi (1785) von Étienne-Louis Boullée oder das Mundaneum (1898) von Paul Otlet sollten das gesamte Schrifttum der Welt erfassen, das Weltwissen, das an einem Ort zugänglich ist. Oder Borges, der über eine mögliche Welt schreibt, welche als eine Bibliothek aller möglichen Bücher dargestellt ist. Hier wird stets über einen Bau von enormer Größe nachgedacht, um die Informationen zu beherbergen. Doch es gibt nicht nur die real existierenden oder geplanten Bibliotheksgebäude auf dieser Welt, in jedem einzelnen Kopf besteht eine persönliche Bibliothek, eine Sammlung von Titeln, Bildern, Autoren und Buchdeckeln, von Verknüpfungen und Schlagwörtern. Die Anordnung der Bücher in der eigenen Wohnung geben ebenso eine Lesrichtung vor wie die Handapparate in den Bibliotheken, gelenkt über Empfehlungen und Geschichten von Freunden, Kollegen und Bekannten, bestimmt durch ein subjektives und sehr persönliches Interesse. Es stellt sich die Frage, ob nur das Wissen um existierende Schriften bereits eine existierende Bibliothek bildet und wo also der Ort einer Bibliothek ist? Im Kopf, in einem Gebäude, in einem Katalog?
Der Umgang mit Informationen und die Sammlung und Aufbewahrung von Material stellte sich schon immer als Aufgabe der Menschheit und hat seit dem Zeitalter der Digitalisierung von Informationen eine neue Dimension erreicht. Die Kategorisierung von Informationen wird von äußeren Systemen wie durch subjektive Einordnung vorgenommen. So ist unser Vertrauen in ein Buch unterschiedlich ausgeprägt, je nachdem wer es uns empfohlen hat und die persönliche Ordnung richtet sich nach Standort, Ergebnisse der Online-Recherche oder Empfehlungen eines digitalen Anbieters. Es handelt sich stets um einen persönlichen Index. Vor allem dynamische Ordnungssysteme unterstützen dieses Vorgehen und ermöglichen eine freie und assoziative Suche nach Informationen. So finden sich innerhalb des System des Sitterwerks (www.sitterwerk.ch) jeweils eine persönliche Auswahl der NutzerInnen innerhalb der gesamten Sammlung. Die Ordnung der Bibliothek im Sitterwerk ist flexibel: Im Katalog ist zu jedem Buch immer der aktuelle Standort verzeichnet und auch das Umfeld dargestellt, in welchem das Buch momentan steht. Die Bibliotheksbenutzer können spezifische Gruppen von Büchern zusammenstellen, diese im Regal unterbringen und im Katalog abspeichern. Zum Arbeitsalltag innerhalb einer Bibliothek gehören unterschiedliche Vervielfältigungsmethoden wie Kopien, Scans, Fotografien. Bis heute werden im Archiv-Kontext (vor allem innerhalb der Naturwissenschaften) Zeichnungen angefertigt, da die Fotografie nicht die ausreichende Genauigkeit liefern kann. Mit einer Zeichnung besteht die Möglichkeit, alle Einzelteile und Ideale zusammenzuführen. Durch die Vervielfältigung wird die Information gedoppelt, verkürzt und in einen weiteren Kontext gesetzt. Der Philosoph Vilém Flusser (1920-91) setzte sich in seinen Schriften hauptsächlich mit dem epochalen Übergang von einer Kultur des “linearen Denkens”, das auf der Schrift basiert, auseinander. Er stellt die Frage, wie Wissen verwendet und wiedergeben wird mit Hilfe von “Technobildern” (Fotografien, Filmen, Video, statistischen Kurven, Diagrammen und Verkehrszeichen und -symbolen), die in seinen Augen keine Szenen wie traditionelle Bilder darstellen sondern Texte und damit bestimmte Codes.
Digital for now, analogue forever.

Titel: ABA Salon #3.2 Flash Library / Shadow library mit Jannetje in’t Veld, Toon Koehorst
Sonstige Personen: Claudia Becker, Mirthe Berentsen, Friedrich von Bose, Annie Goh, Antonia Hirsch, Dominique Hurth, Oliver Klimpel, Nina Köller, Aleksander Komarov, Susanne Kriemann, Rodrigo Novaes, Ilka Tödt

Schlagwörter: Niederländische Botschaft Berlin, Rem Koolhaas, The Shadow library, flash-library, The Reading Room, Mundaneum, Borges, Leihscheine, Kathy Slade, Sitterwerk, St. Gallen, Wunderkammer, Universalbibliothek, assoziatives Ordnungssystem, Objektivität, Aldous Huxley, Iconic turn, Tabula Rasa, Digital Code, Vilem Flusser, Floppy Disk, Nicht-mehr-Buch
Standort: Niederländische Botschaft in Berlin
Signatur: ABA Salon #3.2
Ausleihstatus: Präsenzbestand / verfügbar